In Nomine Satanis Rollenspiele

INS „Viel Lärm um eine Eidechse“

Auszug aus dem INS Cover

Wir wurden auf die Erde geschickt, und ich bezog meine neue Körperhülle unter denkbar schlechten Umständen: Der Körper gehörte einer Frau, die gerade von ihrem Partner ermordet worden war. Als ich mich vor seinen Augen wieder erhob und ihm zeigte, dass der Tod manchmal nur eine vorübergehende Unannehmlichkeit ist, ergriff ihn solche Furcht, dass er die Flucht ergriff.

Kurz darauf erhielt ich eine Nachricht mit unserem Auftrag. Wir sollten zunächst eine bestimmte Person an einer angegebenen Adresse aufsuchen und anschließend einen weiteren Kontakt aus einem Krankenhaus holen. Ich machte mich auf den Weg zur ersten Adresse. Dort herrschte zunächst eine gewisse Unordnung, die schließlich damit endete, dass ein Staubsaugroboter aus dem Fenster flog. Danach war die Lage ausreichend sicher, und unsere Kontaktperson erklärte sich bereit, mitzukommen.

Im Krankenhaus war die zweite gesuchte Person ruhiggestellt worden und sollte gerade näher untersucht werden. Glücklicherweise gelang es meinen Mitdämonen, den Patienten rechtzeitig aus der Station zu bringen. Sie konnten entkommen, bevor das Personal genauer herausfand, wen oder was es da eigentlich behandelte.

Auf dem Weg zu unserer eigentlichen Zieladresse mussten wir noch bei einem Kostümverleih Halt machen. Einer meiner Mitdämonen fühlte sich in seiner gegenwärtigen Aufmachung nicht besonders wohl und benötigte dringend etwas Passenderes. Ich selbst fand dort einen Operndolch, der mir ausgezeichnet gefiel und später noch von Nutzen sein sollte.

Schließlich erfuhren wir, worum es bei unserem Auftrag tatsächlich ging: In einem alten Turm am Pöstlingberg lagerte eine Sammlung von Pestchamäleoneiern. Unglücklicherweise hatte sich dort inzwischen eine Schauspielcompany eingerichtet. Die Künstler*innen probten im Innenhof eine Aufführung von Shakespeares Ein Sommernachtstraum. Es bestand die Gefahr, dass sie früher oder später auf die Eier stoßen würden. Unsere Aufgabe war daher, die Brut zu schützen und die Menschen aus dem Turm zu vertreiben, ohne unnötige Aufmerksamkeit zu erregen.

Ich mischte mich zunächst unter die Schauspieler*innen. Mit meinem Operndolch passte ich erstaunlich gut zur Inszenierung und verbrachte einige Zeit mit der Company, während der Rest unserer Gruppe nach einer geeigneten Lösung suchte. Schließlich beschlossen wir, die finanzielle Notlage des Theatervereins auszunutzen. Wir hackten das Vereinskonto, entnahmen das Geld und verwendeten es, um der Company ein großzügiges Buffet zu sponsern. Die Schauspieler*innen waren begeistert von unserer Unterstützung – insbesondere, weil sie selbst davon überzeugt waren, dass gerade jemand Geld aus ihrer Vereinskasse stahl.

Anschließend manipulierten wir das Essen. Nach und nach wurde den ersten Beteiligten schlecht. Bald kämpften Schauspielerinnen, Bühnenarbeiterinnen und Vereinsmitglieder gleichermaßen mit Übelkeit, Bauchkrämpfen und anderen höchst untheatralischen Problemen. Die ersten Krankenwagen trafen ein, die Aufführung endete im vollständigen Fiasko, und die Company musste ihre Sachen packen.

Am nächsten Tag titelte die Zeitung passend:

„Dünnpfiffpremiere am Pöstlingberg“

Ich riet den enttäuschten Künstler*innen, es vielleicht beim Pflasterspektakel zu versuchen und im nächsten Jahr einen neuen Anlauf zu wagen. Dankbar überließen sie uns anschließend einen großen Teil des Bühnenabbaus. Damit hatten wir endlich freien Zugang zum Turm. Bei unserer Kontrolle des Lagers stellten wir jedoch fest, dass eines der Eier zu früh geschlüpft war. Ein Baby-Pestchamäleon war entkommen. Wir recherchierten, was wir über diese Tiere herausfinden konnten. Pestchamäleons bevorzugen Wärme, Sonnenlicht und feuchte Orte. Zunächst suchten wir die nähere Umgebung ab, fanden jedoch keine eindeutige Spur. Erst ein Beitrag in den sozialen Medien brachte uns weiter: In einem abgesperrten Hochhaus wurde gerade ein Schwimmbad errichtet. Gleichzeitig häuften sich dort Berichte über mysteriöse Schäden und ungewöhnliche Beobachtungen.

Das Gebäude wurde allerdings von einem Sicherheitsdienst bewacht. Einer unserer Dämonen übernahm daher kurzerhand die Rolle eines Security-Mitarbeiters. Es gelang uns sogar, den tatsächlichen Wachmann davon zu überzeugen, ausgerechnet unser Gebäude zu bewachen. Damit hatten wir freie Bahn und konnten ungestört in den abgesperrten Bereich eindringen. Im unfertigen Schwimmbad fanden wir schließlich das junge Pestchamäleon. Es hatte sich zwischen Wärme, Wasser und Glasflächen ausgesprochen wohlgefühlt. Nach einiger Suche gelang es uns, das Tier einzufangen, ohne entdeckt zu werden oder größere Schäden zu verursachen. Wir verschwanden unbemerkt aus dem Gebäude, lieferten das Pestchamäleon gemeinsam mit den übrigen Eiern ab und erklärten den Auftrag für erfolgreich abgeschlossen.

Zur Belohnung durften wir Urlaub machen.

Leider stellte sich heraus, dass es wesentlich leichter war, ein unsichtbares Pestchamäleon in einem gesicherten Hochhaus zu fangen, als mehrere Dämonen dazu zu bringen, sich auf ein gemeinsames Reiseziel zu einigen.

Meisterkommentar

In Nomine Satanis wirkt für ein inzwischen 32 Jahre altes Rollenspiel erstaunlich modern. Der respektlose Humor, das hohe Erzähltempo und die Bereitschaft, aus einer absurden Ausgangslage gemeinsam eine noch absurdere Geschichte zu entwickeln, passen hervorragend zu heutigen Spielgewohnheiten. Deutlich schlechter gealtert ist allerdings das Regelwerk. Die Regelmechanismen wirken sperrig, umständlich oder unnötig kleinteilig und stehen dem schnellen, anarchischen Spielgefühl eher im Weg.

Schiebt man diesen regeltechnischen Ballast ein wenig zur Seite, zeigt sich ein ausgesprochen modernes und schnelles Erzählrollenspiel. Situationen können spontan aufgegriffen, weitergedreht und ohne langwierige Vorbereitung in ganze Szenen verwandelt werden. Ein wesentlicher Teil des Vergnügens liegt allerdings bereits vor dem eigentlichen Abenteuer. Die Charaktererschaffung ist bei INS mindestens der halbe Spaß. Gerade die zufälligen Kräfte, Einschränkungen, Körperhüllen und widersprüchlichen dämonischen Persönlichkeiten liefern oft schon genug Material für einen ganzen Spielabend.

Aus alter Tradition brachten die Spieler*innen auch diesmal Zeitungsartikel mit, die wir gemeinsam sichteten und in das Abenteuer einbauten. Aus einem Sommertheater, einer Lebensmittelvergiftung, mysteriösen Scheibenbrüchen und madagassischen Chamäleons entstand innerhalb kürzester Zeit eine Mission um Pestchamäleoneier, eine „Dünnpfiffpremiere am Pöstlingberg“ und eine Suche nach einer ausgebüchsten Eidechse. Geleitet habe ich das Abenteuer vor allem mit viel Improvisation. Wir verbrachten damit vergnügliche zwei bis drei Stunden – und genau darin liegt die große Stärke von In Nomine Satanis. Das Spiel nimmt eine Handvoll absurder Einfälle und macht daraus beinahe mühelos eine vollständige Geschichte.

Information

Wir verwenden die Regeln von In Nomine Satanis (1994) vom Truant Verlag. Das Abenteuer basiert auf vier mitgebrachten Zeitungsartikeln. Die Abenteuergruppe bestand aus vier Dämonen des ersten Grades der Prinzen Beleth, Belial, Bifrons und Malthus.

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